Herausforderung Urbanisierung – Von Kalifornien lernen? – Teil 1: Mobilität


Situation

Laut Schätzungen der Vereinten Nationen lebten zum Jahreswechsel 2015/2016 7,39 Mrd. Menschen auf der Erde. Die Weltbevölkerung wächst weiter, jährlich um ca. 78 Mio Menschen und dies hauptsächlich in den Städten, denn bereits heute leben mehr Menschen auf unserem Globus in Städten als auf dem Land. Und dieser Trend nimmt weiter zu. 2030 wird Schätzungen der UNO zur Folge jeder 2 Erdenbürger im urbanen Raum leben.

Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig. Während einem sofort die Landflucht als Armutsmigration in den Schwellenländern einfällt, welche als Folge einer späten Industrialisierung die Menschen in die Megacities drängt, ist der Begriff der Urbanisierung auch in der regionalen Entwicklung in den Industriestaaten angekommen. Die Dienstleistungsgesellschaft ist unabhängig von großen Produktionsflächen und dem örtlichen Vorkommen natürlicher Ressourcen. Hier stellen Wissen und Kreativität die Grundlage zur Wertschöpfung dar und Städte fungieren hier als Cluster, der einerseits diese zur Verfügung stellen kann und andererseits aber auch für einen Zuzug an solchen Ressourcen sorgt. So sind die Hochschul- und Wissenschaftsstandorte in den Industriestaaten besonderes Ziel urbanisierender Bevölkerungsbewegungen geworden.

Hinzukommen aber auch unsere veränderten Lebensgewohnheiten und damit einhergehende Bedürfnisse. So sind die sogenannten "Millenials" oder auch die  "Generation Y" genannt zwar flexibel in Ihrer Lebengestaltung, wie es die Wirtschaft von Ihnen verlangt, fordern jedoch auch dafür den Ausgleich in der Work-Life Balance. Sie sind ebend nicht bereit Ihre wertvolle Zeit beim täglichen Berufspendeln zu verbringen und möchten in Ihrer Freizeit auf ein reichhaltiges Angebot an Sport, Kultur, Unterhaltung und Bildung zurückgreifen können. Ihre flexible Grundeinstellung macht es Ihnen umso einfacher in die Städte zu ziehen, welche diese Grundbedürfnisse abdecken können.

 Mehr als 17 Millionen Menschen leben in der Greater Los Angeles Area. Sie wohnen meist nicht dort wo Sie arbeiten oder einkaufen. Sie müssen also täglich lange Wege in Kauf nehmen. So kommt der Verkehr regelmäßig zum Erliegen. Doch der Verkehr ist nur ein Problem der Megacity. Trockene Sommer führen zur Wasserknappheit. Mit ihr steigen die Waldbrandgefahren und auch Kraftwerke sitzen auf dem Trockenen, wenn die Nutzung der Raumklimatisierung bei heißem Klima ohnehin schon zur Strommknappheit beiträgt und die öffentliche Versorgung an den Rand des Zusammenbruchs bringt. In kaum einer anderen Megapole wird das Zusammenspiel von Urbanisierung, Klimawandel und den direkten Folgen so sichtbar wie in Los Angeles.

Die Urbanisierung findet auch nicht erst seit kurzem statt und sie löste auch nicht, wie oft behauptet, eine Stadtflucht in den Industriestaaten ab. Vielmehr ist die oft beschriebene Stadtflucht ein Teil der Suburbanisierung unserer Städte und ist weiterhin ungebremst. So wachsen Metropolregionen nicht nur in der Bevölkerungszahl, sondern auch in der Fläche. Städtische Funktionen verlagern sich in das Umland. Ein Zeichen für eine weitere Urbanisierung und die Grundlage für infrastrukturelle Probleme wie sie zum Beispiel Megacities wie Los Angeles mit der Ausdehnung der Vororte im San Fernando Valley seit Jahrzehnten bereits haben.

Was wie ein weit entferntes Problem amerikanischer Ballungsräume aussieht, beschäftigt jedoch auch europäische Metropolregionen wie z.B. Paris mit seinen Vororten oder auch Berlin, welches in den letzten 10 Jahren nicht nur an Bevölkerungsdichte ungebremst zunimmt, sondern über den sogenannten Speckgürtel auch weiter in die Mark Brandenburg hineinwächst. Die hiermit zusammenhängenden Aufgaben, die es gemeinsam im urbanen Raum zu lösen gillt, sind noch lange nicht angepackt. Das föderalistische System Deutschlands liefert scheinbar nicht überwindbare politische Gräben für die Zusammenarbeit zwischen dem Stadtstaat Berlin und dem Land Brandenburg. Eine Entwicklung die sich später rächen könnte.

Mobilität

Oft gepredigt als Herausforderung für die Städte von Heute ist die Vereinbarkeit von unserem Bedüfnis nach uneingeschränkter Mobilität und dem Ziel der Klimafreundlichkeit. Doch wenn man sich die Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamtes (KBA) anschaut, kommt jedoch schnell Ernüchterung auf, wenn es um die Einführung alternativer Antriebe geht. Während alleine im Staat Kalifornien laut dem PEV Collaborative 184.657 Elektrofahzeuge auf insgesamt 24.487.807 Kraftfahrzeuge zum 01.01.2016 zugelassen waren (Angabe laut Dempartment of Motor Vehicles (DMV)) kommen laut KBA auf 45.071.209 PKW am 01.01.2016 in Deutschland gerade mal 25.502 Elektrofahrzeuge. Auch wenn sich Städte wie Los Angeles über hunderte Kilometer in die Länge ziehen, sind die in Deutschland gepriesenen Argumente gegen die Elektromobilität, wie z.B. die geringe Reichweite, für den kalifornischen Nutzer scheinbar kein Argument dagegen.

Selbstverständlich ist der Klimaschutz ein wichtiger Aspekt einer nachhaltigen Entwicklung. Die Städte tragen fundamental am Gelingen dieses Ziels bei, doch liegen die Probleme der Mobilität in den immer größer werdenden Megacities nicht nur oder auch nicht ausschließlich in der Emmision von Treibhausgasen, sondern auch in der Zunahme des Individualverkehrs und somit dem Kollaps des Verkehrssystems.

Das Mobilitätsverhalten wandelt sich derzeit stark. Individualität ist wichtig, Besitz eher Nebensache oder Zweckerfüllung. In unserer Sharing-Gesellschaft haben Modelle wie Carsharing oder Bikesharing einen festen Einzug in das Mobilitätsverhalten des modernen Großstädters gefunden, aber verträgt sich dieses wirklich mit der Idee die Straße zu entlasten? Geht die Erfüllung des Bedürfnisses nach individueller Fortbewegung nicht zu Lasten des Öffentlichen Personennahverkehrs? Gefeiert wurden Carsharing-Modelle Anfangs als Ergänzung zum ÖPNV. Die Möglichkeit auch ohne eigenes Auto die "letzte Meile" vom U-Bahnhof zur Wohnung zurückzulegen. Doch leider sind die Einzugsgebiete meist auf die Innenstädte stark begrenzt. Das Forschungsprojekt WiMobil hatte im Jahr 2015 veröffentlicht, dass laut ihrer Studie Carsharing in Berlin zu 70% von wohlhabenden Akademikern mit Wohnsitz in der Innenstadt und hauptsächlich am Wochenende und in den Abendstunden zum Zwecke der Freizeit genutzt wird. Steht also das Carsharing mit dem ÖPNV in Konkurenz, statt diesen zu ergänzen? Fördert Carhsaring den Individualverkehr? Werden die Straßen noch voller? Und wie ist die soziale Komponennte? Sitzt der besserverdiende Akademiker lieber im shared car und überlässt das U- und S-Bahn fahren den weniger betuchten Bürgern? Es gibt keine eindeutigen Antworten in Schwarz oder Weiß auf diese Frage, aber sicher ist die Entwicklung des Carsharings weiter zu beobachten und notfalls hier auch regulativ einzugreifen, um Fehlentwicklungen zu vermeiden.

Jedoch auch eine Megacity wie Los Angeles hat für den Verkehr noch kein Patentrezept zu bieten. Im Vergleich zu deutschen Großstädten wie Berlin ist die Ausgangslage sogar noch verzweifelter. Als Vorzeigestadt des automobilen Amerikanischen Traums wurde über Jahrzehnte der Ausbau des Freewaynetzes voran getrieben. Das Netz an U-Bahnen und Straßenbahnen ist hierbei eher überschaubar geblieben und wird in den letzten Jahren jedoch erst kontinuirlich weiter ausgebaut. So ist das Auto das Forttbewegungsmittel Nummer 1 in der kalifornischen Metropole, um teilweise hunderte Kilometer im täglichen Pendelverkehr hinter sich zu bringen. Eine Vorzeigerolle übernimmt das Metro Bus System. Mit 80% gasbetriebener Fahrzeuge ist dieses zwar nicht grün im eigentlichen Sinne, jedoch bewusst emissionsgeminderd im Vergleich zu einer Dieselflotte.
Doch Kalifornien wäre nicht Kalifornien, wenn es nicht mit einem gewissen Pragmatismus und einer Neugier gegenüber neuen Lösungsansätze versuchen würde der Probleme Herr zu werden. So sind die Carpool-Lanes, die linken Fahrspuren auf den Freeways auf denen nur Autos fahren dürfen mit mehr als 2 Insassen, auch für Elektroautso nutzbar. Wenn man sich die langen Diskussionen über die Freigabe von Busspuren in deutschen Städten anschaut, ist die Idee der linken Spur für Fahrgemeinschaften, mit der man am Feierabendstau einfach vorbeifahren kann, revolutionär. Und diese Sonderfahrspuren gibt es bereits seit den 1970er Jahren und nicht nur in Kalifornien, sondern in vielen Bundesstaaten der USA.

Fazit

Die Vereinigten Staaten sind sicher alles Andere als eine Vorzeigenation, wenn es um Nachhaltigkeit geht, aber Städte wie Los Angeles sind in den letzten Jahren, durch die immer augenscheinlicheren Probleme ihrer Größe zu mehr Nachhaltigkeit gezwungen. Während deutsche Städte meist im Punkte Mobilität auf ein sehr gut ausgebautes Netz an öffentlichen und nicht straßengebundener Verkehrsmittel zurückgreifen können, muss die kalifornische Metropole andere Wege gehen, um in kürzerster Zeit die Probleme des Verkehrskollaps und der hiermit zusammenhängenden Emissionen zu lösen. Die Elektromobilität ist sicher ein Lösungsweg zur Sicherstellung der Klimaziele und die kalifornische Aufgeschlossenheit gegenüber neuen Technologien sowie ein gewisser Pragmatismus hierbei hilfreich

Diese Einstellung des gesunden Pragmatismus wäre sicher auch für Fachleute und Politiker, welche sich in Europa oder Deutschland mit den Aufgaben der Urbanisierung beschäftigen, wünschenswert, wenn es um die Weiterentwicklung von Ansätzen und Ideen für eine nachhaltige Entwicklung unserer Ballungsräume geht.

In den Folgebeiträgen werden wir uns unter Anderem mit den Feldern Energie, Wasser und Digitalisierung beschäftigen, um einen weiteren Vergleich zwischen unseren Herangehensweisen und denen der südkalifornischen Metropole zu ziehen. Auch wenn die Ausgangslagen kaum unterschiedlicher sein können, besteht doch das Gefühl, dass ein direkter Vergleich lohnenswert ist. Gerade eine Stadt wie Los Angeles scheint bereits einen Entwicklungsschritt weiter zu sein als wir, denn man ist dabei Fehler zuberichtigen, die es für uns noch gilt zu vermeiden, wenn es um die Entwicklung unseres städtischen Raums geht. Man kann also sehr wohl voneinder lernen.